Letzte Ausfahrt Annecy

Jetzt übertreibt Jose Santos es aber ein bisschen: Mit eingeschalteter Warnblinkanlage und 90 km/h fährt er auf der rechten Spur. Davon war gar nicht die Rede, als ihn Gendarme Erhardt mit eingeschaltetem Blaulicht zum Verlassen der Autobahn aufforderte. Charmant, aber bestimmt machte er der dem Portugiesen klar, er möge bitte nicht mit zwei Meter Abstand hinter einem Lkw herzuckeln. Und wenn er schon sehr langsam fahren will mit seinem PEUGEOT 308, dann möge er doch bitte 80 km/h nicht wesentlich unterschreiten. Und die Warnblinkanlage anmachen. Sonst knallt es noch. Wie am Sonntagabend, als der französischen 5008-Besatzung Lalloue/Setruk, die mit 70 km/h auf der rechten Spur unterwegs war (60 sind dort vorgeschrieben), im Dunkeln ein Lkw ins Heck gefahren ist. Zum Glück wurde niemand verletzt, reiner Blechschaden, “da haben wir echt Glück gehabt”, weiß Fabrice Lalloue, der am Steuer des Kompaktvans saß. Auch er fährt heute mit eingeschalteter Warnblinkanlage, wie alle Teilnehmer, die nach Monsieur Erhardts Einsatz von der Cup-Leitung die unmissverständliche Ansage erhalten hatten: “Mindestens 80 km/h fahren und Warnblinker an” – Sicherheit geht vor beim PEUGEOT Eco Cup.

Morgens um sieben standen die ersten Teilnehmer heute neben ihren Autos und scharrten mit den Hufen. Ab 7:30 Uhr durften sie los – nach einer Atemalkoholkontrolle, die alle anstandslos bestanden haben. Bloß nicht in den Berufsverkehr geraten, hatten sie sich am Abend zuvor geschworen. Stau nervt, Stop-And-Go kostet Sprit, das will hier keiner riskieren, dementsprechend groß war der Early-Bird-Andrang beim Verlassen des Hotelparkplatzes. Rund 430 Kilometer sind es bis zur finalen Abrechnung. Wer hat am wenigsten Diesel verbraucht? Wer gewinnt die Autos?

Am Abend gibt die Rennleitung die Resultate bekannt. Aber das ist noch lange hin. Erst einmal steht ein Besuch im 60 Kilometer entfernten PEUGEOT Museum Sochaux auf dem Programm. 200 Jahre Unternehmensgeschichte beherbergt der Bau – die ersten Werkzeuge und Kaffeemühlen, die Familie Peugeot fertigen ließ, motorgetriebene Droschken, jede Menge Vorkriegs-Limousinen, das dreirädrige Elektroauto Véhicule leger von 1941 und natürlich die imposanten Studien der Neuzeit. Keine fünf Minuten entfernt befindet sich das PEUGEOT Werk, wo unter anderem der 3008 gefertigt wird. Die Route führt einmal quer übers Werksgelände. Am Ost-Eingang rein, am West-Eingang wieder raus, rund 4,5 Kilometer vermerkt das Roadbook für den “Abstecher” vorbei an Produktion, Lackierung, Endfertigung und Auslieferungslager. Danach geht es eigentlich nur noch geradeaus, Schussfahrt im Supersparmodus über die Autobahnen A36, A39, A40 und A41.

Die Spannung steigt, die Orientierungslosigkeit auch. Im Schildergewirr kurz vor Annecy, wo übernachtet und gefeiert wird, drehen diverse Kombattanten die ein oder andere Extraschleife. So kurz vorm Ziel, das geht an die Nerven. Die spanischen 308-Fahrer stehen fassungslos vor der Péage-Station, die sie kurz zuvor von der anderen Seite aus passiert hatten. Die kroatischen 207-Fahrer haben einen Streckenposten für sich gewinnen können: Mit gelbem Signallicht fährt er hinter ihnen her und hält ihnen den Rücken frei.

In Annecy sind dann viele kurz vorm Schreien: Die Beifahrer kämpfen mit dem Gassengewirr auf dem Navigationsgerät und der Straßenkarte, zwei Kilometer vor dem finalen Parkplatz legt eine kurzfristig eingerichtete Umleitung das Roadbook lahm. Die Uhr läuft; wer nicht 31 Stunden nach seinem Start in Paris hier vor den wartenden Schiedsrichtern steht, hat verspielt. Aber: Alle schaffen es, teils auf die Sekunde genau. Auf einem zum Fahrerlager umfunktionierten Parkplatz am See werden die Autos sofort in die Untersuchungsboxen geschoben: Siegel überprüfen, Diesel abzapfen im Motorraum und im Tank, das alles unter notarieller Aufsicht. Zu Fuß geht es in die nahe gelegenen Hotels. Und von dort um 19:30 Uhr weiter zur Siegerbekanntgabe.

Eintrag erstellt am Montag, den 1. März 2010